Geschichte(n) eines Schreiberlings – Teil 2

Zofia schob die Schreibmaschine zur Seite. Eine nette Neuerung, ja, aber auch anstrengend. Sie ging zu ihrem Sekretär (die Schreibmaschine durfte dort nicht stehen, sie war ihr zu modern) und entnahm einem der Fächer ein Etui. Sie legte es hin und öffnete es dann. Es befanden sich zwei Füllfederhalter darin. So lange Zeit hatte sie mit ihnen geschrieben und nun sollte das einfach vorbei sein?

Der neuere Füllfederhalter lag gut in Zofias Hand. Ein ganz modernes Stück mit Tintenpatronen war das, noch keine zehn Jahre alt. Auch etwas, das ihr Sohn Lukasz ihr geschenkt hatte – wie die Schreibmaschine. Jedes Mal, wenn er etwas Neues mitbrachte, glänzten seine Augen vor Stolz. Er liebte moderne Dinge und zeigte ihr das sehr deutlich. Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie durchaus bis zum Ende ihres Lebens den alten Füllfederhalter genutzt.

Dem älteren Füllfederhalter sah man durchaus an, wie lang sie ihn schon besaß. Sie hatte ihn 1950 gekauft. Mehrere Wochenlöhne hatte sie dafür verwenden müssen, doch das war es durchaus wert gewesen. Wie viele Jahre er ihr nun schon treue Dienste leistete. Wie viele Tintenfässer sie in ihn hineingesaugt hatte. Zofia nahm ihn in die Hand und spielte gedankenverloren an dem Teil, das man drehen musste, um Tinte einzusaugen. Einige Tropfen Tinte kleckerten auf den Boden. Zofia sah es und nahm ein Löschpapier aus dem Sekretär, um die Flecken aufzufangen.

Schließlich nahm Zofia ein paar Blätter Papier und beschrieb sie. Erst benutzte sie den Patronenfüllfederhalter und schrieb, bis er leer war. Lächelnd kramte sie nach neuen Patronen, doch es war keine zu finden. Ihr Lächeln erstarb. Sowas Blödes. Hatte sie tatsächlich vergessen Nachschub zu kaufen?! „Jetzt müsste man dich aus dem Tintenfass nachfüllen können“, sagte sie zu der leeren Patrone. Doch das konnte man nicht.

Zofia legte den neueren Füllfederhalter beiseite und nahm den älteren in die Hand. Zärtlich strich die alte Frau über das Plastik. Dann setzte sie die Federspitze auf das Papier und schrieb. Dadurch, dass sie ihn nicht abwischte, nachdem er Tinte verloren hatte, breitete sich zuviel Tinte auf dem Papier aus und es gab einen großen Fleck. Davon ließ Zofia sich nicht irritieren. Sie schrieb einfach weiter und die Schrift normalisierte sich.

Die Geschichte handelte von einem Sommer am Meer. Gerade, als ihr Hauptcharakter in die Fluten springen wollte, war der Füller leer. Zofia seufzte, teils enttäuscht, teils wehmütig. Sie zog das Tintenfass zu sich, schraubte es auf und tauchte die Spitze der Feder hinein. Sie drehte an der oberen Seite des Füllfederhalters, bis er zur Gänze gefüllt war. Anschließend verschloss sie das Tintenfass, bevor sie ihre Geschichte beendete.

Mit einem Lächeln nahm Zofia die beschriebenen Blätter hoch. Dann stand sie auf und ging zur Schreibmaschine. Daneben lag ein Stapel Papier, auf das sie eine andere Geschichte getippt hatte. Zofia verglich. Ohne Zweifel hatte das mit Tinte beschriebene Papier mehr Charakter, doch ihre Schrift war größer und so passte weniger auf jedes Blatt. Außerdem, das gab sie zu, wäre für andere Leute ihre Schrift sicherlich wesentlich schwerer zu entziffern.

Irgendwann würde sie sich entscheiden müssen, welche Art des Schreibens die bessere war. Doch nicht an diesem Tag…

 

Heutzutage sind Füller fast immer mit Patronen versehen. Kolbenfüllhalter sind selten geworden und meist sind sie alt oder sehr teuer. Immerhin gibt es für manche Patronenfüller Konverter, mit denen sich ebenfalls Tinte aus Fässern ziehen und speichern lässt – was den Abfall doch deutlich reduzieren kann, wenn man viel schreibt.

Doch schreiben wir heute noch viel mit Füllern?

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, waren Füller zunächst sehr alltäglich. Als man das Schreiben mit selbigen erlernte, musste zunächst jeder das gleiche Modell besitzen, später wurde es dann bunt im Klassenzimmer. Jeder hatte andere Vorlieben. Ein paar Jahre später dann schrieb man gehäuft mit Tintenrollern. Manche auch mit Kugelschreibern. Auf jeden Fall wurden Füller zunehmend „uncool“.

Computer wurden auch immer häufiger und zumindest außerhalb des Unterrichts und der Hausaufgaben schrieb ich am Computer. Nur wenn ich unterwegs war, im Bus zum Beispiel, oder auf jemanden wartete, stand ich mit Tintenroller, Kugelschreiber oder Bleistift da und füllte Seite um Seite in meinem Collegeblock. Immer wieder wurde ich seltsam angesehen. Wer schrieb schon freiwillig außerhalb der Schule?!

Ich. Und auch ein paar meiner Freunde. Mit Vorliebe. Und wir lasen das, was die anderen schrieben. Redeten über unsere Geschichten und entwickelten sie weiter. Ich weiß noch, dass ich in der Zeit etwas mit Vampiren und etwas mit Wolken schrieb, besitze aber nur noch kleine Teile meiner Aufzeichnungen. Schade eigentlich. Es wäre doch sehr interessant zu sehen, was man im Laufe der Zeit verbessern konnte…

Doch ich schweife ab, zurück zum Thema: Füller sind heute fast schon Wegwerfartikel. Es gibt noch immer teure Modelle, die im Zweifel ein Leben lang halten sollen, aber die meisten Schreibgeräte müssen billig sein. Oder nein: preiswert! Aber dennoch gut gemacht. Im Normalfall sind sie aber billig. Meiner Meinung nach sollte man schon genauer darauf schauen, was man sich kauft. Ich habe einen Füller, den ich mal zu Kommunion bekam. Kein besonderes, kein teures Modell. Der Füller mag seine Macken haben, aber er schreibt noch. Theoretisch. Praktisch habe ich ihn schon seit mindestens zwei Jahren nicht mehr angerührt.

Warum auch? Kugelschreiber sind so viel einfacher! Man versaut sich auch gar nicht erst die Finger mit Tinte. (Das war auch mal anders. Frühe Kugelschreiber haben auch rumgesaut…)

Was mich immer sehr gestört hat ist, dass nach langem Schreiben mit dem Füller die Hand verkrampft und schmerzt. Das geht einigen so. Und beim Tippen bin ich wesentlich schneller. Schreibe ich von Hand, komme ich nur schwerlich mit meinen Gedanken mit. Und wenn, dann nur mit Bleistift oder Kugelschreiber…

Ein paar Vorteile bleiben den Füllern jedoch noch immer:

– Wenn man mit ihnen schreibt, sieht es ganz anders aus. Kann man es halbwegs schön und hat eine gute Feder, dann kann es sogar sehr edel wirken. (Ich bevorzuge bei Briefen noch immer, wenn sie mit Füller geschrieben wurden.)

– Es gibt viele Tintenfarben. Die man wechseln kann! Heute will ich grün, morgen rot und übermorgen lila! Na gut, bei so schnellen Wechseln muss man natürlich entweder Tinte wegwerfen oder seeeeehr viel schreiben. Zumindest bei Patronenfüllern. Bei Kolbenfüllern kann man die Tinte auffangen und später wieder benutzten oder nur eine geringe Menge in den Füller ziehen. Ihn dann bei Farbwechsel ein paar Mal mit Wasser füllen, wieder leeren und dann die neue Farbe hochziehen. (Ich finde die echt toll, seit ich Omas Füllfederhalter kenne. Irgendwann kaufe ich mir auch sowas!)

– Sie sind (wenn sie nicht schlecht verarbeitet sind) keine Wegwerfartikel. Das kann Müll reduzieren.

– Etwas, das mit Füller geschrieben wurde, hat meist eine persönlichere Note, als etwas, das getippt wurde.

 

 

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4 Kommentare zu “Geschichte(n) eines Schreiberlings – Teil 2

  1. Am schönsten ist es, wenn ich mit dem alten Kolbenfüllfederhalter meines Vaters aufs Papier kleckse. Das schaffen Patronen nicht 🙂

  2. Und da fällt mir die Frage ein: Wann haben wir uns eigentlich von den drei Hautzeichen Punkt, Komma und Ausrufezeichen verabschiedet? Früher reichte es, ein Ausrufezeichen zu setzen. Heute denke ich, es fehlt etwas, wenn ich hinter eine ironische Bemerkung keinen Smiley setze. So sit das mit dem Fortschritt … Noch ein Thema für einen Post?

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