Geschichtswissen für Zwischendurch: Vertriebene

Wenn man von Vertriebenen spricht, meint man meist Menschen, die nach dem zweiten Weltkrieg Zwangsumsiedelung durchleben mussten. Ein Land stellte Anspruch auf Teile eines anderen Landes. Wer dort lebte und kein Staatsbürger des einnehmenden Landes war, musste gehen. Wer Glück hatte bekam die Chance auf eine neue Staatsbürgerschaft, musste sein Land, seine Sprache ablegen. Viele verzichteten darauf und gingen.
Wer Pech hatte, musste fort, hatte keine Möglichtkeit dem zu entgehen. So wurden zum Beispiel Deutsche aus Schlesien, Pommern oder den Karpaten vertrieben. Auch Polen jagte man von einem Ort zu einem anderen (in der Region um Danzig leben zum Beispiel viele Vertriebene oder deren Nachkommen, andere mussten gar nach Sibirien).
Die Folge der zerfallenen Sowjetunion wiederum ist, dass einige Vertriebene ihre Grundstücke, ihre Heimat zurückverlangen. Durch die Verstaatlichung und dort wohnende Menschen ist das natürlich nicht so leicht zu lösen…

Dann schickte man Menschen nach Israel, viele Juden waren ja ohnehin dorthin ausgewandert und hatten versucht dort Land fruchtbarer zu machen.

Aber: Vertriebene gab es schon immer. Schließlich hatten Menschen schon immer die Angewohnheit ihren Besitz zu erweitern. Wer im Weg war wurde versklavt oder musste gehen. Vertriebene sind also keine Erscheinung des zweiten Weltkrieges. Auch im ersten Weltkrieg gab es einige Vertreibungen – und natürlich noch wesentlich früher und in allen Teilen der Welt. So wurden zum Beispiel manches Mal Menschen durch Kolonisten zwangsumgesiedelt.

Heute mal (natürlich zwecks Abgrenzung in kursiv) eine kleine Information dazu, wie ich darauf kam einen Beitrag über Vertriebene zu schreiben:

Aufgrund der Ereignisse in der Ukraine kamen meine Großmutter und ich ins Gespräch. Dort mussten ja alle, die nicht zu Russland gehören, die Krim verlassen. Dadurch kamen wir darauf, dass meine Ururgroßeltern aus Niederschlesien vertrieben wurden. Sie hatten die Wahl Polen zu werden oder zu gehen – also verließen sie ihre Heimat.
Meine Großeltern väterlicherseits waren ebenfalls Vertriebene. Sie mussten die Karpaten (vermutlich in der Westukraine) verlassen – ohne eine Wahl zu haben, sie waren Polen und blieben es – und lebten dann bei Danzig. Gerade für einen Bauern ist es ein hartes Los, sein Land zu verlieren, wo man es doch Tag für Tag bearbeitet…
Wie man sieht, ist es nicht so einfach, das alles einzuordnen. Der Grund dafür ist logisch: Eine Vertreibung bringt enorme psychische Belastungen mit sich. Und das hat dazu geführt, das viele nicht über ihre Erlebnisse sprechen wollten. Wenn man nun, da diese Menschen nicht mehr leben, etwas in Erfahrung bringen möchte, läuft man vor eine Wand…

 

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7 Kommentare zu “Geschichtswissen für Zwischendurch: Vertriebene

  1. Oh ja, so ist es bei uns auch! Bis endlich mal davon gesprochen wurde, was „damals“ passiert, mussten ein paar Jahrzehnte vergehen. Ganz kann man als hier, in Sicherheit Geborener trotzdem nie nachvollziehen, wie es damals war. Und ich bin ganz froh, dass ich nur aus zweiter Hand höre, was sich damals ereignet hat. Danke für diesen Beitrag 🙂

    • kaiglaeser sagt:

      Ja, sowas möchte man einfach nicht am eigenen Leib erfahren. Ich habe kaum etwas in Erfahrung bringen können, eben weil so wenig darüber gesprochen wurde. Ich weiß nur das, was man meiner Oma erzählte – und das ist nicht viel. Jetzt kann keiner dieser Vorfahren mehr erzählen und die Söhne und Töchter wissen nichts oder wollen nichts wissen (bzw. sind ebenfalls schon tot).

      Dennoch bin ich der Meinung, dass gerade Dinge, über die niemand sprechen wollte oder will, nicht in Vergessenheit geraten sollten.

      • Das systematische Recherchieren kann Ergebnisse bringen – aber es ist sehr mühsam und manchmal möchte man den Bettel hinwerfen, weil sowieso „schon alles vorbei ist“. Aber das ist es meist (leider oder zum Glück) nicht. Stammbäume können manchmal weiterhelfen – oder Kirchenregisterauszüge. Aber dazu braucht man echt einen langen, laaaangen Atem …

      • kaiglaeser sagt:

        Ja, das stimmt schon – ist in meinem Fall aber sehr schwierig. Ich kann zu wenig Polnisch und komme auch gar nich dorthin. In ein paar Jahren vielleicht wieder.. Und eventuell klappt es ja irgendwann dann doch noch…

      • Ich drück die Daumen!

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