Gestatten, Geschichte – und du?

Nachdem ich gründlich beschrieben habe, warum ich im Falle des Papyrusexperiments erstmal nicht recherchieren will – komme ich nun darauf, warum Recherche eigentlich unabdingbar ist.

Bleiben wir einmal bei meinem Experiment:

Hätte ich absolut gar keine Ahnung davon, wie man Papyrus herstellt, dann hätte ich vielleicht einfach die Blätter der Pflanze abgeschnitten, sie getrocknet und aneinandergenäht. Oder die Wurzeln geflochten. Natürlich würde das in keinster Weise funktionieren.

Gut, ob es nun funktioniert weiß ich ja auch noch nicht. Beginnt ja schon bei der Pflanze: Wenn es der falsche Papyrus ist oder er einfach „zu klein“ geblieben ist, wird es nicht klappen können, selbst wenn ich alles richtig mache. Aber zumindest habe ich eine Chance, dass ich am Ende ein (vielleicht nicht perfektes) Stück Papyrus in meiner Hand halte…

Ein ähnliches Problem sehe ich auch beim Schreiben. Was bringt es, wenn man nicht recherchiert, aber am Ende nur Murks rauskommt?

Mal angenommen ich schriebe einen Roman über einen Clown. Ich war noch nie im Zirkus, habe nie einen solchen auf einem Kindergeburtstag gesehen und kenne nur das mörderische Clownsviech aus dem Film „ES“ (rein hypothetisch. Ich war gern im Zirkus früher…).

Also gehe ich einfach davon aus, dass alle Clowns fies, hinterhältig und gemein sind. Und weil ich Angst vor ihnen habe, hat das jeder andere ebenso, auch alle Menschen in meinem Roman. Spielte die Geschichte in einer anderen Welt, dann wäre das ja durchaus möglich, hier ist das aber doch recht unwahrscheinlich, dazu müssten schon Coulrophobe eine eigene Stadt gründen (wenn der Roman nicht so örtlich begrenzt ist, vielleicht gar ein ganzes Land).

Natürlich wird es von Lektoren, Kritikern und wer-weiß-wem-noch total zerissen. Hinterher ärgere ich mich dann schwarz, dass ich nicht vorher rausgefunden habe, dass Clowns eigentlich ziemlich lustige bis lächerliche Gestalten sind – und das auch beabsichtigen.

Gut, ich gebe zu, dass dieses Beispiel extrem abstrakt ist und es recht unwahrscheinlich wäre, dass es tatsächlich so passiert. Aber es soll der Verdeutlichung dienen und einen symbolischen Charakter haben.

Und um endlich zum Titel zu kommen: Es ist nie verkehrt mit der Geschichte (also der historischen Betrachtung, nicht der Story) auf Du und Du zu sein!

Manch einer fragt sich vielleicht: „Wozu soll ich denn die Geschichte kennen? Meine Story spielt doch in der Zukunft!“

Naja. Ganz so einfach ist das eben nicht. Der beste Weg erraten zu können, was für die Zukunft gelten könnte, ist, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Wenn man das tut, bemerkt man nämlich, dass sich vieles wiederholt. Dass Dinge immer wieder geschehen und Menschen sich über all diese weiten Zeiträume hinweg nicht so sehr verändert haben, wie wir vielleicht glauben. Vieles sieht nur auf den ersten Blick anders aus.

Zum Beispiel hat es immer Kriege gegeben. Und immer wieder führte ein Krieg zu einem nächsten. Lediglich die Waffen, die Erscheinung des Krieges haben sich verändert. Die Gründe dafür sind in gewisser Weise genau wie die, die man vor Hunderten von Jahren hatte.

Heute gibt es geregelte Ausbildungen, früher lernte jeder von seinen Eltern, noch früher machten alle alles, bis sich dann erste Spezialisierungen ergaben. Doch letztlich musste man immer erst zuschauen, dann mitmachen, dann unter Aufsicht selbst etwas tun. Somit kann man davon ausgehen, dass man auch in Zukunft Ausbildungen braucht.

Und nun zu meinen „Recherchegewohnheiten“:
Ich recherchiere eigentlich kaum für meine Projekte. Und das, obwohl geschichtliche Aspekte dafür sehr wichtig sind.

Bevor nun irgendwer der Meinung ist ich sei ein Heuchler, lasst euch gesagt sein, dass das einen guten Grund hat. Meist besteht zunächst ein Interesse an einem Thema. Und dann entwickelt sich daraus, manchmal langsam und schleichend, manchmal einer Ohrfeige gleich, eine Idee.

Ich sah einen vermüllten Wald. Ich dachte darüber nach, ob das schon immer so war und kombinierte es mit meinem Wissen zu alten Göttern und industrieller Revolution. Nun schreibe ich. Später muss ich auch noch ein paar Dinge klären, aber das Grundgerüst steht, das ist entscheidend!
Ich habe etwas über den Isiskult gelesen. Kombinierte es mit anderen Dingen, die ich wusste. Noch die eine oder andere Streiterei zwischen Christen und Anhängern alter Glaubensrichtungen… und die Idee stand!
Dabei spielt es (bis auf Teile) nicht einmal in der Vergangenheit. Doch würde ich das alles nicht wissen, wären meine Charaktere und auch die Story sicherlich ziemlich unglaubwürdig. 😉

Das soll reichen. Man kann ganze Romane darüber schreiben, wozu Recherche gut sein soll und warum es grausam ist, wenn Autoren sie schändlich vernachlässigen.

 

Dass ich überhaupt auf so einen Beitrag komme, verdankt ihr:

Dem Wunderwaldverlag mit dem Lederhosenproblem: http://wunderwaldverlag.wordpress.com/2014/07/28/das-lederhosen-problem-recherchen/

und

Nekos schnurriger Reaktion: http://nekosgeschichtenkoerbchen.wordpress.com/2014/07/29/recherchieren-oder-auch-nicht/

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4 Kommentare zu “Gestatten, Geschichte – und du?

  1. Danke für’s Verlinken 🙂

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