Steigende Verwirrung dank Recherche

Man sollte ja meinen, dass Recherchen helfen. Dass man auf diese Art Unklarheiten beseitigen kann – und die Verwirrung besiegt.

Ist nur leider nicht so. Zumindest nicht bei mir. Jedenfalls dieses Mal.

Je mehr ich über die Zeit, über die Umstände lese, desto unsicherer werde ich. Das, was meinem Kopf entsprungen ist, das, was meine Phantasie aus dem Wissen gemacht hat und das, was ich geschrieben habe, trägt zu dieser Verwirrung bei.

Die Geschichte als solches ist für sich recht stimmig. Einzelne Elemente davon sind historisch durchaus im Bereich des Möglichen. Was ich nicht herausfinde, ist, ob es eine solche Situation, eine solche Zusammensetzung diverser Umstände wirklich gegeben hat. Es könnte sie gegeben haben. Auch den direkten Handlungsort habe ich nicht aus dem Geschichtsbuch. Dennoch könnte es solche Räumlichkeiten gegeben haben. Aber reicht das?

Ich bin mir unsicher, weil ich nicht weiß, wie viel Freiheit man sich nehmen sollte, wenn man etwas schreibt, das in der Vergangenheit stattfindet.

Sollte man sich ein einzelnes Ereignis herauspicken und eine fiktive Figur in die Situation werfen? Sollte man sich einfach nur in die Zeit hineinversetzen, so gut das eben geht, und dann überlegen, wie sich die Menschen damals gefühlt haben? Sollte man aus den Dingen, die man weiß, aus Ereignissen, die es gab, neue Ereignisse erschaffen, die es vermutlich genau so nicht gegeben hat?

Ich überlege immer wieder, was davon in Geschichten der Fall war, die ich gelesen habe und ich glaube, dass das jeder Autor anders handhabt.

Um es mal zu sagen, wie es ist: Die Quellenlage ist doch recht bescheiden. Ich habe einiges hinzugelernt, aber nicht genau das, was ich brauche. Kleine Teile fehlen stets – manchmal lese ich gar, dass manches unklar ist – ist das nicht „schön“?

Erlaubt mir das nun die Lücken zu füllen, wie es mir beliebt? Schließlich ist jede Geschichte zu einem Teil fiktiv – ob sie nun in der „echten“ Welt spielt oder nicht.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es solche Menschen gegeben hat. Auch, dass sie auf diese Art mit dem Leben, der Situation, ihrer Zeit umgegangen sind. Und auch die Konsequenzen dessen könnten so ausgesehen haben. Ob allerdings tatsächlich jemand dieses Risiko eingegangen ist, bleibt unklar. Bisher habe ich keinen Beweis dafür gefunden.

Man kann also sagen: Es passt in den historischen Zusammenhang, auch wenn Charaktere, Gebäude und Ereignis fiktiv sind. Vermutlich reicht das. Aber der historisch denkende Teil von mir will lieber knallharte Fakten, die er geschickt einarbeiten kann. So ein Mist. Ob ich einen Kompromiss finden werde?

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4 Kommentare zu “Steigende Verwirrung dank Recherche

  1. Hat dies auf Nekos Geschichtenkörbchen rebloggt und kommentierte:
    Recherche löst nicht alle Probleme. Als Autor darf man sicher aber immer der künstlerischen Freiheit bedienen. *zwinker*

  2. wiesenirja sagt:

    Tja, da bin ich fein heraus: In Fantasy kann ich ein „historisches“ Setting nehmen und durch den Wolf drehen. 😉
    Aber eine andere, mir sehr nahe stehende Autorin quält sich seit geraumer Zeit mit ganz genau demselben Problem und war jetzt – in gewisser Weise – erleichtert, damit nicht alleine zu sein!
    Ich denke, wenn Du Leerstellen hast, die sich mit annehmbarem Rechercheaufwand nicht klären lassen, dann bist Du absolut berechtigt, diese Stellen mit dem zu füllen, was Dir am wahrscheinlichsten vorkommt. (Oder mit der Theorie, die Dir am besten passt.)
    Mehr noch: Als Fiction-Autor darfst Du Dir manches zurechtbiegen, mit Annahmen und Was-wäre-wenns arbeiten – solange das den historischen Rahmen nicht komplett sprengt.
    Einen (möglichen) Ort zu erfinden, ist vielleicht sogar angeraten. (Ich muss gerade an Camilleri denken, der seine Jetztzeit-Krimis in einer erfundenen Stadt spielen lässt, die es aber eben ganz genau so geben könnte.)
    Bei Ereignissen ist es so ähnlich. (Wieder Krimis: ein bekannter isländischer Krimi-Autor soll pro Krimi manchmal mehr Leute meucheln als in einem Jahr auf Island sterben (oder so ähnlich). – Ja und?) Es sollte nur vielleicht nichts grob Geschichtsverfälschendes sein.
    Knallharte Fakten wirst Du noch genug einzuarbeiten haben, und sei es herauszufinden, was Dein Protag zum Frühstück isst oder wie er seine Lieblingstante im Brief anredet …
    Darf ich fragen, was Du da vor hast? – Meine Bekannte treibt sich im Preußen des frühen (!) 18. Jh.s herum … Sie hängt gerade schon an der ersten Szene: In was für einer Kutsche sitzt der Protag eigentlich? Und sieht er die Landschaft durch Fensterglas, oder weht ihm gerade der Staub ins Gesicht? – Du glaubst doch nicht, dass es darüber klare Infos gäbe?! ;->=>
    Viel Glück beim Kompromiss-Finden und Nicht-Verzweifeln!
    Irja.

  3. kaiglaeser sagt:

    Danke dir für deine Antwort, das erleichtert mich ja mal 😀

    Ich schreibe nur eine Kurzgeschichte – und sie bewegt sich im zeitgeschichtlichen Rahmen. Man könnte jetzt behaupten, dass Zeitgeschichte einfacher sei, weil nicht so lang her – aber dem ist nicht so. Im Gegenteil, sie ist dadurch, dass sie so nah ist, manchmal schwerer zu durchschauen.
    An sich lässt sich ohnehin sagen, dass es viel zu Raten gibt im geschichtlichen Bereich – das ist auch der Grund, warum ein neuer Fund ganze Theorien ins Wanken bringen kann. Weil manches nicht sicher ist. Es beruht alles auf Funden, auf Ruinen, auf weggeworfenen Dingen und auf Texten, bei denen immer noch der Hintergrund des Schreibers bedacht sein will – usw.
    Am Schlimmsten ist es eben wirklich, wenn es um Kleinigkeiten geht. Ich bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass es okay ist, wie es ist. Weil ich in dieser Zeit in der Situation der Prota(s) womöglich ähnlich gehandelt hätte (auch wenn man das ja mal schnell sagen kann). Ähnliche Orte gab es, das ist bekannt. Es gab Menschen wie die Antas. Auch das ist bekannt. Und auch der Rest der Leute passt in die Zeit. Es ist halt nur… neu zusammengewürfelt – und vielleicht auch ein waswärewenn. Ob es ein gabesmaltatsächlich ist, das wird sich vermutlich nie beantworten. Aber vielleicht muss es das auch gar nicht 😉

    Zu dem Problem deiner Freundin war das Erste, was mir in den Sinn kam: Vielleicht gab es ja auch Vorhänge? 😀

    • wiesenirja sagt:

      Stimmt: je näher uns etwas ist, desto schwerer ist es zu fassen, also auch zu beschreiben. Und man kommt von Hölzchen aufs Stöckchen, weil man weiß oder erahnt, was alles mit hineinspielt.

      Funde, Ruinen etc.: Ich habe mal ein Buch gesehen, in dem der Autor den Versuch machte, aus Hinterlassenschaften unserer Kultur „archäologische“ Rückschlüsse zu ziehen. – Nicht immer völlig gelungen, aber hochinteressant. Sollte eigentlich Pflichtlektüre für jeden Archäologen und Historiker sein – wie schnell man in Albernheiten und Fallen rutschen kann …

      Kutschen: Ja, es gab Vorhänge. – Aber was, wenn die zurückgeschlagen wurden, jemand hindurchschaute? Oder auch: blähten sie sich im herein kommenden Luftzug oder eher nicht? Etc.

      In Fantasy muss ich ein bisschen Gehirnschmalz investieren, um solche Sachen für die entsprechende Welt und das Land festzulegen. Dann kann ich weitermachen. – In einer echt-historischen Welt kann man Tage und Wochen mit Recherchieren solcher Kleinigkeiten hinbringen.

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