Mondlichtschimmern

Kalle spürte das Mondlicht, es hüllte ihn ein, gab ihm Wärme und Kraft. Endlich konnte er sehen – um ihn herum war alles weiß, trotz der Dunkelheit. Der Mondschein brachte den Schnee zum Glänzen und Kalle hatte diesen besonderen Schimmer auf sich. Die Wärme breitete sich aus, durchfuhr in bis in die letzte Kugel. Endlich konnte er sich bewegen, bekam Hände und Füße. Er streckte sich und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln. Freiheit.

Sein Arm berührte etwas und er fuhr herum. Ein Schneemann, kleiner als er selbst doch ebenso weiß. Er trug eine blaue Strickmütze mit Bommeln an den Seiten und einen Schal in hellem Rot. Aber er bewegte sich nicht. Kalle tippte ihn an. Nichts rührte sich, alles blieb still. Der Mund zeigte ein schiefes Grinsen, sein Schöpfer hatte sich vielleicht zu wenig Mühe gegeben. Kalle seufzte. „Ich wünschte du würdest leben…“ Die Kohleaugen zuckten kurz, dann kam langsam Leben in den Schneemann.

Kalle stieß ihn kumpelhaft mit dem Arm an. „So wie du in die Leere starrst, könnte man dich glatt für einen Neuling halten.“

Der Schneemann wich zurück. „Warum kann ich mich bewegen? Woher kommt die Wärme? Wieso…“

Kalle unterbrach ihn. „Bleib ruhig. Nachts, wenn der Mond auf sie scheint, erwachen manche Schneemänner zum Leben. Wie heißt du?“

Der Schneemann dachte eine Weile nach. „Manni, glaube ich. Das Mädchen, das mich geformt hat, legte diesen Namen in meinen Schnee.“

Kalle nickte. „Ja, das tun sie, mit ihren Gedanken.“

„Warum weißt du eigentlich so viel?“ Manni zog ein Auge hoch – das schneemannsche Pendant zum Augenbraueheben.

„Ich wurde 1972 zum ersten Mal gebaut, in den Jahren darauf wieder. Und dann über 20 Jahre lang nicht mehr. Es waren stille Jahre, einsame Jahre – und nun bin ich einfach wieder da.“ Kalle dachte an den kleinen Jungen. Er hatte immer so gestrahlt. Heute hatten ihn große Männerhände erschaffen. Der Junge war zum Mann geworden.

„Warum haben sie uns geschaffen?“ Manni legte den Kopf schief.

Kalle lachte. Er lachte so sehr, dass seine Knöpfe verrutschten, einer wäre beinahe abgesprungen. Als er sich beruhigt hatte, sagte er: „Das wirst du noch verstehen. Komm.“ Kalle stapfte durch den Schnee, es knirschte wunderbar. Er liebte dieses Geräusch, es zeigte das Leben, das ihn durchströmte und von dem leblosen Schnee unterschied.

Sie streiften über ein Feld, das hinter dem Haus lag. Kalle sah sich genau um, doch weitere Schneemänner gab es dort nicht. Er wandte sich nach rechts – dass Manni ihm folgte, konnte er hören. In der Ferne war ein Schemen zu sehen. Kalle beschleunigte seine Schritte.

Drei Kugeln stapelten sich übereinander, gekrönt von einem alten Jägerhut. Doch die Augen, die in der obersten Kugel steckten, waren leblos, die Nase angeknabbert. Kalle schüttelte den Kopf. „Wie traurig. Armer Kerl.“

Manni tippte den Schneemann an. Nichts passierte. Er stupste fester und die oberste Kugel fiel herunter. Er schrie und rannte panisch im Kreis. „Ich hab‘ ihn totgemacht!“

Kalle schüttelte den Kopf. „Ganz ruhig. Er hat nie gelebt, da gab es nichts totzumachen.“

„Warum nicht?“ Manni stemmte die Hände in den oberen Teil der großen Kugel. „Er hatte drei Kugeln. Wie wir. Auch einen Hut hatte er. Nur diese kaputte Karotte…“ Er schüttelte sich. „Schrecklich…“ Er rannte davon und Kalle hatte große Probleme mit ihm Schritt zu halten. Er konnte es ihm nicht verdenken, er hatte bei seinem ersten leblosen Schneemann ähnlich reagiert. „Jetzt warte doch. Er ist nur ein Haufen Schnee, ihm tut nichts weh.“

„Aber er hätte leben können!“ Manni wandte sich zu ihm um. „Hätte er eine komplette Nase, würde er leben, sie ist das Geheimnis!“

Kalle bückte sich und hob etwas Schnee auf. „Das hier hätte auch ein Schneemann sein können. Sogar ein lebender. Wenn jemand damit gebaut hätte. Hat aber niemand. Also ist es einfach nur Schnee, genau wie der Schneemann dort. Die Karotte ist es nicht. Nach 20 Jahren wäre meine doch längst nicht mehr da.“

Manni legte den Kopf schief. „Keine Ahnung… Dann weiß ich nicht, was das alles soll, wer das entscheidet…“ Er schüttelte den Kopf und stapfte davon, zurück zur Straße. Er blickte nicht nach links oder rechts, ging einfach stur geradeaus. Kalle seufzte und lief ihm hinterher. Das fehlte noch, dass ein Neuling unter die Räder kam, weil er noch keine Autos kannte. „Jetzt warte doch!“ Kurz vor der Bordsteinkante holte er Manni ein und hielt ihn fest. Ein Auto fuhr vorbei, weit genug weg. Dennoch zuckte Manni zusammen. Kalle tätschelte ihm den Kopf: „Die Welt ist nicht ungefährlich. Lauf nicht allein ins Unbekannte. Komm mit mir.“

Er drehte sich um und ging an den Häusern entlang, warf ab und zu einen Blick um sich. Manni folgte ihm, Menschen waren nicht zu sehen. Alles war so, wie es sein sollte. Dennoch war er froh, als er einen Park entdeckte. „Vielleicht gibt es dort weitere von uns“, sagte er und blickte zu Manni.

Der nickte und stapfte voraus. Kalle gönnte ihm den Vortritt und wartete einen Moment, bevor er ihm folgte. Sie gingen den Weg entlang, zwischen Bäumen hindurch. Hier gab es keine künstliche Beleuchtung, nur den Mond und den angestrahlten Schnee. Dennoch sahen sie genug. Eine Gruppe Schneemänner stand auf einer Wiese. Manni blieb vor ihnen stehen und betrachtete sie, Kalle tat es ihm nach. Sie waren sehr unterschiedlich – und vielleicht genau das „Anschauungsmaterial“, das Manni brauchte, um zu verstehen. Kalle räusperte sich und zeigte auf den ersten Schneemann. Er war der Kleinste, hatte nur zwei Kugeln, wenn man sie denn so nennen wollte. Sie waren ungleichmäßig und schmutzig. Manni folgte seinem Blick. „Da sind ja lauter winzige Handabdrücke drauf! Und die Augen sind nicht auf einer Höhe. Außerdem ist die Mütze viel zu groß. Und die Nase ist auch kaputt!“ Er wirkte richtig entsetzt.

Kalle lachte. „Den hat ein kleines Kind gebaut, das sieht man doch! Ich sah in meinem ersten Winter nicht besser aus. Und seine Nase finde ich sehr hübsch.“

Manni schüttelte den Kopf. „Das darf nicht sein, so darf ein Schneemann nicht aussehen. Der wird sicherlich nicht leben. Genauso schlimm wie der dort vorn!“ Er ging auf einen Schneemann zu, der ein wenig abseits stand und traurig wirkte. „Der hat gar keine Kleidung. Nur eine rostige, alte Konservendose auf dem Kopf. Die Nase fehlt! Und die Augen sind Kronkorken. Und was soll der Stock, der in der Kugel steckt? Wollte man ihn erstechen, noch bevor er zum Leben erwacht?“

Kalle schüttelte den Kopf. „Du bist viel zu sehr auf das Äußere bedacht, mein Freund. Und der Stock wird wohl ein Besen oder eine Angel sein – nicht alles ist offensichtlich.“

Manni schnaubte und winkte ab. „Guck dir dagegen diese drei Schneemänner an. Sie sind nahezu perfekt, die Kugeln rund, der Schnee ganz weiß. Die Möhren in ihren Gesichtern sind groß und frisch, wunderschön orange und bei einem von ihnen sogar violett.“ Kalle folgte Mannis Blick. „Sie sind nicht perfekt. Sie scheinen nur so. Ja, die haben gute Sachen, sind gut geformt. Aber dennoch glaube ich ni…“

„Sie werden leben! Die drei werden leben!“ Manni stampfte auf und hüpfte dann um sie herum. „Wacht auf, wacht auf, kommt schon!“

„Hüpf nicht herum. Schau dir lieber den Mondschein an – und seine Auswirkungen.“ Kalle zeigte erst auf einen der Schönlinge, dann auf den kleinsten Schneemann.

Manni legte den Kopf schief und dachte nach. Kalle wunderte sich beinahe darüber, dass keine ratternden Zahnräder aus seinem Hinterkopf lugten. Dann hielt er den Kopf wieder gerade. „Der schöne Schneemann schimmert wie der Schnee. Der kleine Schneemann ist wie wir, irgendwie wärmer.“

„Genau.“ Kalle klopfte Manni auf die Schultern und Stolz erfüllte ihn. „Was ist mit den anderen?“ Manni ging an ihnen entlang und zeigte dann auf den mit der Dose. „Der leuchtet auch so warm wie wir. Heißt das, die werden leben?“ Er sah Kalle mit großen Kohleaugen an.

Dieser nickte. „Ja, genau. Ich hoffe du hast nun verstanden, warum das so ist.“

Der kleine Schneemann reckte sich und gähnte genüsslich. Er rieb sich die Augen. Die zu große Mütze rutschte ihm ins Gesicht und er schob sie wieder hoch.

Auch der Schneemann, auf dessen Kopf eine Dose war, erwachte zum Leben. Er zog seine Füße aus dem Schnee und stapfte auf die Anderen zu, einen Besen in der Hand. Die restlichen Schneemänner rührten sich nicht.

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Winterlich schneemannig…

…wird es am 1. Feiertag. Da werde ich nämlich tatsächlich die Geschichte von der Weihnachtsfeier auf meinen Blog packen. Sie hat zumindest ein paar Leuten gut gefallen, andere wirkten, als wollten sie gar nicht erst eine hören (mir persönlich ist sie übrigens nicht dramatisch genug oder so. Aber gut, war halt so gewünscht und hat mir immerhin eine kleine Mutprobe beschert – vor einem langen Tisch von Leuten etwas vorzulesen… war alles andere als leicht, ich war tierisch nervös…). Interessant war, dass viele gar nicht verstanden hatten, dass die Geschichte von mir war. Hinterher fragten dann aber doch ein paar nach und stöberten mal durch „Schwanengesang“ und „Blitzeis und Gänsebraten“. Ein paar nette Gespräche gab es auch.

Weihnachtsfeiern sind ja eigentlich nicht so mein Ding. Der Grund ist simpel: Alle essen und ich gucke zu. Das kann schon hart sein, aber hilft ja nichts. Wenn ich nicht weiß, was genau im Essen ist bzw. wenn etwas drin ist, was ich nicht darf, dann ist das eben nicht anders möglich. Aber zumindest gab es Mineralwasser. Punsch war auch nicht drin für mich. Leider. Der hat nämlich ganz toll geduftet.

Ansonsten wünsche ich natürlich schon einmal jedem schöne Weihnachten. Ich werde in nächster Zeit noch immer wenig im Internet unterwegs sein, hoffe aber, dass es zumindest wieder ein paar Beiträge mehr von mir gibt.

Blitzeis und Gänsebraten – Hildesheimer Weihnachtsgeschichten

Es gab mal wieder Post für mich. Die Anthologie „Blitzeis und Gänsebraten“ vom Verlag Monika Fuchs ist inzwischen erschienen. Auf dem Foto seht ihr außer Büchern noch Postkarten und Flyer – die Postkarten gefallen mir besonders gut, die sind echt schön geworden.

Passend zu Weihnachten gibt es 24 Geschichten (bzw. z.T. Gedichte) in dem Büchlein und ich bin schon gespannt darauf zu lesen, was anderen Autoren so eingefallen ist – bisher kenne ich nur meine und die von Erik.

Eine Leseprobe gibt es übrigens auch.

Erinnerungen wecken: „Hinter verzauberten Fenstern“

Letzte Woche habe ich in einem kleinen Laden ein Hörbuch gesehen, das mich einfach nicht loslässt. Ich habe anhand des Covers sofort erkannt, zu welcher Geschichte es gehört. Oh, was habe ich sie früher geliebt! Wieder mal eines dieser total zerlesenen Bücher. Ich habe es irgendwann einmal geschenkt bekommen, natürlich vor oder zu Weihnachten. „Hinter verzauberten Fenstern“ von Cornelia Funke.

Ich erinnere mich nicht mehr wirklich an den Inhalt. Nur daran, wie ich mich gefühlt habe, wenn ich dieses Buch in der Hand hielt. Vom Inhalt weiß ich nur noch, dass ein Mädchen enttäuscht ist, als sie einen Adventskalender bekommt, der gar keine Schokolade enthält. Nur Bilder. Dann merkt sie, dass es ein ganz besonderer Kalender ist – und will ihn nicht mehr eintauschen, 😉

Seit die Erinnerung daran wachgerufen ist, lässt es mich nicht mehr los. Also überlege ich in der Tat, ob ich es mir kaufen soll. Vorher sollte ich aber dringend die Kisten mit den alten Büchern durchwühlen und schauen, ob es sich nicht doch noch irgendwo versteckt…

Auch wenn das eigentlich ein Buch für Kinder ist… Ich will es unbedingt wieder lesen – und kann es nur empfehlen.